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MYRIAM

Eine Erzieherin, die täglich zwischen mehreren Sprachen "switcht"

Ich heisse Myriam. Ich wohne in einem Vorort von Paris, zusammen mit meinem Lebenspartner und unserem gemeinsamen, bald fünfjährigen Sohn.

Geboren in den 80zigern, bin ich gut behütet in Süddeutschland aufgewachsen, und zur Schule gegangen.

Mit einem französischen Vater und einer deutschen Mutter war meine Kindheit von zwei unterschiedlichen Kulturen geprägt, doch zweisprachig bin ich nicht aufgewachsen. So habe ich Französch als Fremdsprache in der Schule gelernt.

Als Heilpädagogin (éducatrice spécialisée), habe ich ein paar Jahre in Deutschland gearbeitet, eine berufsbegleitende Theater-und Clownsausbildung absolviert, und ich bin nun seit bald 15Jahren in Frankreich. Nach kurzer Schaffenszeit im heilpädagogischen Bereich mit Menschen mit Behinderungen, arbeite ich seit vielen Jahren als Erzieherin (éducatrice des jeunes enfants) in einer deutsch-französichen Kindertagesstätte in Paris, Ajefa.

Dort war ich sowohl als Springkraft in allen Gruppen, als auch, wie jetzt, als feste Fachkraft in einer Gruppe von Kindern zwischen 3 - und 6 Jahren eingesetzt.

Lange habe ich einmal wöchentlich eine Hortgruppe von Kindern zwischen 6-11Jahren geleitet (französisches Grundschulalter), und so konnte ich einen sehr umfasssenden Einblick in die Sprachentwicklung im Kindesalter gewinnen.


In der Kita wird vorherrschend Deutsch gesprochen. Die Erzieher/ innen sind grösstenteils Deutschmuttersprachler, sowie die jungen Freiwilligen, die auch aus Deutschland kommen. Die Freiwilligen gehören fest zum Team, und engagieren sich vorwiegend nach dem Abitur, für ein soziales, praktisches Jahr in der Ajefa.

Ein Kitadienst ist in einen Früh-und Spätdienst aufgeteilt. Jeder Schicht ist ein Team zugeteilt. Die Kinder sind den ganzen Tag da, und erleben damit eine ganze Reihe unterschiedlicher, zumeist deutschsprachiger Persönlichkeiten, die sie tagtäglich betreuen. Diese Vielfalt an Kontakten macht unter anderem den Spracherwerb sehr bunt und lebendig : jeder spricht anders, jeder beschreibt anders, jeder benutzt unterschiedliche Vokabeln und jeder liest anders vor.


Der Tag beginnt und endet mit einem Stuhlkreis, Er ist ein sehr wichtiger Bestandteil für die Sprachentwicklung.

Nicht nur der soziale Aspekt, der Zugehörigkeit (« Wir gehören alle zusammen ») wird hier ermöglicht  , sondern auch der soziokulturelle Aspekt (« Gemeinsam schaffen wir etwas/  Respekt und Anerkennung ») findet hier seinen Platz.

Die Kinder lernen, sich gegenseitig zuzuhören, vor den anderen zu sprechen und Lieder einzustudieren.

Generell muss Sprache (eine oder mehrere Sprachen) mit dem ganzen Körper erarbeitet werden. Worte, Fingerspiele, Texte prägen sich viel leichter ein, wenn passende Bewegungsabläufe in Zusammenhang wiederholt werden.


In der Ajefa wird immer um ein Jahresthema herum gearbeitet, (z.B. die vier Elemente/die Zeit/ Umweltschutz).

Dazu werden kreative, sportliche, vorschulbezogene, sprachliche Angebote, und Projekte organisiert. Diese finden im Alltag, einmal vor dem Mittagessen, und am Nachmittag nach dem Mittagessen statt. Sie erfolgen meist in Kleingruppen, während der Rest der Gruppe im Freispiel ist.

Einmal am Tag geht es gemeinsam für eine Stunde auf den Spielplatz.


Die Alltagssprache der Erwachsenen untereinander, und mit den Kindern ist hauptsächlich Deutsch.

Die Alltagssprache der Kinder untereinander ist Französisch.

Wenn ein Kind nicht versteht, wie oft am Anfang seiner Kindergartenzeit, wird auch mal auf Französisch gesprochen : Erklärungen und Anweisungen übersetzt oder für den Ablauf unbedingt notwendige Informationen und Nachrichten.


Ein Kind, welches der deutschen Sprache noch nicht mächtig ist, muss erst mal das Gefühl entwickeln, in der Gruppe angenommen zu sein, seinen Platz zu finden, und uns zuvertrauen. Dies erfolgt in erster Linie über die Muttersprache, in unserem Fall also auf Französich.

Die ErzieherInnen sind Weltmeister im Sprache « switchen » und alles einfach doppelt zu sagen : auf Deutsch und danach gleich nochmal auf Französisch, damit man alle Kinder erreicht.


Kinder haben das grosse Bedürfnis sich anzupassen, so wie die anderen zu sein.

Also erleben wir fast immer, wie ein französisches Kind nach und nach ein paar deutsche Wörter sagt, immer mehr versteht und irgendwann mit schwierigen, deutschen Sätzen heraussprudelt...der Anfang der Zweisprachigkeit !

Sprache ist Kultur, und eng mit Ritualen, und Regeln der sozialen Gemeinschaft verknüpft, dadurch fühlen sich die Kinder mit Erwachsenen und Kindern verbunden.

Jahreszeitenbezogene, und volkstümliche deutsch-/französscihe Feste werden zelebriert und tragen in hohen Masse zur Mehrsprachigkeit bei.


Die Ajefa besuchen vorwiegend zweisprachige- und in den letzten Jahren stetig wachsend, mehrsprachige Kinder. Immer wieder gibt es Kinder mit französischen Eltern, die sich die Mehrsprachigkeit für ihre Kleinen wünschen, und die Pädagogik, als Alternative zum französischen Schulsystem attraktiv finden.

Bei der Ankunft der Kinder mit zwei Jahren ist das Sprachniveau sehr unterschiedlich.

Mit zwei Jahren beginnen viele Kinder erst zu sprechen, andere sprechen schon drei Sprachen wie ein Wasserfall, und wieder andere sprechen perfekt Französich, aber noch kein Deutsch.

Wie so oft, hat jedes Kind seinen eigenen Lernrhythmus. Die Erwachsenen sind dazu da, die Kinder zu begleiten, in dem wir viel kommunizieren, jede Handlung kommentieren und beschreiben, spannende Angebote machen, tolle Erlebnisse kreiren, die die Kinder fördern und ihnen in erster Linie Spass machen.

Wenn wir wohlwollend, und ermutigend unterstützen, lernen alle Kinder zwei Sprachen sprechen, und ich kann aus Erfahrung berichten, nach vier Jahren Ajefa, wenn die Kinder in die Schule kommen, können alle Deutsch sprechen und verstehen, egal ob sie Franzosen oder Deutschfranzosen sind !


Kulturelle Unterschiede in Bezug auf die Sicht des Kindes und die Erziehung sind sehr deutlich zu erkennen und in der Ajefa muss man sich dem stellen,

Es ist zu beobachten, dass die deutschen Eltern und oft auch ErzieherInnen mehr am Spiel der Kinder, und auf die freie Persönlichkeitsentfaltung interessiert sind, und die französischen Eltern ihren Fokus auf das Lernen, Wissen, und auf die Vorbereitung auf die Schule legen.

Ich möchte das gar nicht werten,

Allgemein möchte ich sagen, dass der gesunde Mix den Erfolg macht. Und man als Erzieher, sehr individuell auf die Kinder eingehen muss. Nicht jedes Kind braucht den gleichen »Input » und die gleiche Förderung. 

Die Ajefa kommt meiner Meinung nach, diesen unterschiedlichen Erziehungsvorstellungen entgegen. Die Kinder machen regelmässig Vorschularbeit, angeleitete Aktivitäten mit definierten Ergebnis, nebenher dürfen sie Freispiel machen, und sie haben auch die Freiheit selbst für ihre Bedürfnisse entscheiden zu können.


Kinder lernen über das Spielen. Man sagt sogar ein Kind « arbeitet », wenn es im vertieften Spiel ist. Rollen-/und Umgangsformen werden getestet, erprobt, das soziale Miteinander, Erlebtes verarbeitet und nachgefühlt, motorische Fähigkeiten einstudiert, Lieder und Gesprochenes wiederholt und nachempfunden etc.


Sprache ist das Tor zur Welt, Sprache ist lebendig, bunt, und hat Idenditätsfunktion. Jede Sprache ist gleichwertig. Kinder lernen zuerst ihre Muttersprache, das hat man zu respektieren und wertzuschätzen. Ein Kind kann mit Leichtigkeit zwei Muttersprachen haben, wenn es von Geburt an die Zweisprachigkeit gewöhnt ist.

Ein Leitsatz gilt : Eine Sprache, eine Person ; ein Ort eine Sprache.

Beispiel : die Oma spricht Italienisch, die Eltern Französisch und in der Kita spicht man Deutsch. Oder Papa spricht Deutsch, Mama Englisch und die Alltagssprache in Frankreich ist Französisch.


Ich bin ein Befürworter der Mehrsprachigkeit. 

Kinder mit Migrationshintergrund (Türkisch-Deutsche Kinder, oder Arabisch-Französsiche Kinder), die Erfahrungen aus der Arbeit, und mit meinem eigenen Kind sind die besten Beweise dafür, dass Mehrsprachigkeit funktioniert und bei kleinen Kindern mehr oder weniger selbstverständlich erfolgt.

Bei der Sprachentwicklung sollte man auf natürliche, im Menschen angelegte Wege setzen, die Natur hat uns ein enormes Potential mitgegeben, dass Kinder sprechen lernen, und drauf sollte man setzen und sich besinnen.

Kinder passen sich ihrer Umgebung an, auch einer sprachlichen Welt. Wenn Kinder von Anfang an, zwei Sprachen,  erst hören, imitieren und dann anwenden, werden sie beide Sprachen lernen.


Mein eigenes Kind war von Anfang an perfekt zweisprachig, ohne dass mein Partner und ich uns irgendwie dafür anstrengen mussten. Es war einfach so, der Papa spricht Französisch, die Mama spricht Deutsch - das war seine Normalität und selbstverständlich, da musste man keine Fragen stellen.


Unbedingt wichtig ist der emotionale Bezug zu der « Fremdsprache ». Dies erfolgt über die Eltern, über die Kinder und Freunde in einer Kita, über regelmässige Reisen ins betroffene Land, über Lieder und Geschichten.


Allerdings muss die Fremdsprache immer angewendet werden, Man muss sozusagen « am Ball bleiben ». Eine Sprache kann im frühen Alter sehr schnell erlernt, aber auch ebenso schnell wieder vergessen werden. Das ist die Aufgabe der Eltern und Pädagogen konstant eine mehrsprachige Umwelt zu gewährleisten (bis ins Erwachsenenalter) !


Die Kinder sprechen untereinander am liebsten die Sprache, die in ihrem Umfeld vorherrscht und am meisten gesprochen wird.

Ein kleiner Tipp, um Kinder in der Sprachentwicklung zu motivieren: Mit neuen Worten verblüffen (« schnurstraks » geradeaus laufen), mit der Spache zaubern, Redewendungen oder Sprichwörter ( « Morgenstund hat Gold im Mund ») in den Alltag mit einwerfen, überraschen  - das kommt erfahrungsgemäss gut an und macht Kindern viel Spass !


Es gibt sicherlich immer Kinder mit Sprachverzögerungen, oder Sprachschwierigkeiten. Die gibt es aber auch genauso oft bei Kindern, die nur eine Sprache lernen, und diese Kinder müssen entsprechend ihrer Sprachfehler gefördert werden.

Ich habe aber auch immer wieder Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, im motorischen oder selbst geistigen Bereich, oder mit Verhaltensauffälligkeiten erlebt, die aber ohne Schwierigkeiten zwei Sprachen erworben haben. Was für eine riesige Chance und Erfolg für solche Kinder !

In unserer globalen Welt, in der wir leben, sehe ich die Zwei ('-oder Mehrsprachigkeit) als enorme Bereicherung.

Zwischenmenschliche Hürden werden überwunden, Offenheit, Toleranz und Verständis für andere Kulturen und Menschen geweckt, gute Zukunftsaussichten für den späteren Beruf ermöglicht, etc...


Ein, schon sehr frühes, auf verschiede Sprachlaute und Grammatikkonstallationen sensibilisiertes Gehirn, trägt dazu bei, mit Leichtigkeit neue Fremdsprachen zu erlernen.


Eine frühes sprachliches, Angebot kann nur eine Bereicherung sein. Und mal von den Kindern abgesehen, ist ein Arbeitsteam aus verschiedenen Ländern und landesunterschiedlichen pädagogischen Ausbildungen interessant und durchaus spannend !

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